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Hügel von Kernave
🇱🇹 Litauen🌄 On the road🚐 Van life
Episode #112

🇱🇹 Kernavė – Zwischen Wikingerhügeln, Hexen und einer Kalaschnikow

11. Oktober 2026Von Kathrin
← Zurück zu allen GeschichtenLesezeit ~8 Minuten

Es gibt Tage, an denen man eigentlich nichts Besonderes erwartet, die am Ende die besten Geschichten liefern. Unser Besuch in Kernavė war genau so einer. Ein bisschen Geschichte, jede Menge Regen, ein außergewöhnlicher Campingplatz und eine Geburtstagsparty, bei der wir uns zwischendurch fragten, wo wir hier eigentlich gelandet waren.
Aber der Reihe nach.

Kernavė – Litauens ehemalige Hauptstadt im Regenmodus

Etwa 35 Kilometer nordwestlich von Vilnius liegt das kleine Örtchen Kernavė. Heute geht es hier ziemlich beschaulich zu. Kaum zu glauben, dass dieser Ort im Mittelalter einmal zu den wichtigsten politischen und wirtschaftlichen Zentren Litauens gehörte und als eine der ersten Hauptstädte des Landes gilt.

Kernavė wird auch gerne als das „Troja Litauens“ bezeichnet. Allerdings sucht man hier vergeblich nach prächtigen Burgruinen oder riesigen Tempelanlagen. Stattdessen gibt es fünf imposante, grasbewachsene Hügel, auf denen im 13. Jahrhundert befestigte Burgen standen. Von dort oben konnte man wunderbar das Tal des Flusses Neris überblicken und mögliche Angreifer frühzeitig entdecken.

Im 14. Jahrhundert wurde die damalige Stadt durch den Deutschen Orden zerstört. Was blieb, waren die Hügel und jede Menge Geschichte unter der Erde. Archäologen haben hier Spuren menschlicher Besiedlung gefunden, die rund 10.000 Jahre zurückreichen. Seit 2004 gehört die historische Landschaft sogar zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Klingt spannend, oder?
Fanden wir auch. Nur leider hatte der Wettergott offenbar andere Pläne. Es regnete. Wobei das untertrieben ist, es schüttete wie aus Eimern.

Aber wenn wir schon mal hier waren, wollten wir uns die berühmten Hügel natürlich auch anschauen. Also stapften wir durch den strömenden Regen, liefen die Hügel rauf und runter und versuchten, uns vorzustellen, wie hier vor Jahrhunderten das Leben tobte.

Die Landschaft ist beeindruckend. Sanfte grüne Hügel, weite Ausblicke über das Tal und jede Menge Geschichte. Bei Sonnenschein sicherlich ein traumhafter Ort.

Bei uns war es eher ein historischer Ausflug mit gratis Ganzkörperdusche.

Irgendwann waren wir jedenfalls so nass, dass es auch keinen Unterschied mehr gemacht hätte, wenn wir direkt in die Neris gesprungen wären.

Zeit, zurück zu Wilma zu laufen.

Ein Campingplatz, der eigentlich eine Sehenswürdigkeit ist

Wilma hatten wir auf einem „Campingplatz“ abgestellt, der mindestens genauso interessant war wie unser eigentliches Ausflugsziel.

Schon bei der Ankunft war klar: Das hier ist kein gewöhnlicher Campingplatz mit akkurat geschnittenem Rasen, nummerierten Parzellen und einer Platzordnung. Hier war alles ein bisschen anders. Kreativ, skurril und herrlich unkonventionell.

Und mittendrin: Patrick.

Patrick ist möglicherweise einer der freundlichsten und glücklichsten Menschen, die wir auf unseren Reisen bisher getroffen haben. Ein echtes Unikat. Immer ein breites Grinsen im Gesicht, voller Energie und mit einer Begeisterung, die sofort ansteckend wirkt.

Kaum waren wir angekommen, zeigte er uns stolz sein Anwesen und erzählte uns dessen Geschichte. Dabei erfuhren wir, dass das Gelände früher eine sowjetische Kolchose war, also ein gemeinschaftlich organisierter landwirtschaftlicher Betrieb aus Zeiten der Sowjetunion.

Wo früher Landwirtschaft nach sozialistischem Plan betrieben wurde, dürfen heute Camper stehen. Geschichte zum Anfassen, sozusagen.

Patrick, der das Anwesen Anfang der 2000er-Jahre gekauft hat, hat den Ort in seine ganz eigene kleine Welt verwandelt.

Er bastelt Puppen, ist unglaublich kreativ und schraubt gemeinsam mit jungen Leuten aus der Umgebung an alten Autos herum. Überall gibt es irgendetwas zu entdecken.

Besonders auffällig waren die vielen Hexenbilder und -figuren, die überall auf dem Gelände zu sehen waren.
Natürlich hatte Patrick auch dazu eine Geschichte auf Lager. Irgendetwas mit Hexen, Legenden und vermutlich noch viel mehr. Ich muss allerdings gestehen: So ganz habe ich die Hexen-Geschichte nicht verstanden.

Eines war aber klar: Langweilig wird es hier garantiert nicht.

„Come join and have some beers!“

Nachdem wir von unserer unfreiwilligen Regendusche in Kernavė zurückgekehrt waren, machten wir es uns erst einmal gemütlich in Wilma. Trockene Klamotten, ein bisschen Wärme und ein entspannter Abend. So jedenfalls der Plan.

Plötzlich klopfte es an der Tür.

Draußen stand Patrick. Natürlich freudestrahlend.
„I am celebrating my birthday! Come join and have some beers!“

Aha. Geburtstagsparty.

Wir freuten uns über die spontane Einladung, waren uns aber nicht ganz sicher, ob wir da jetzt tatsächlich hingehen sollten.
Denn mittlerweile waren auch die ersten Partygäste eingetroffen. Unter anderem in quietschgelben, aufgemotzten BMWs, die man schon von Weitem hören konnte. Nein, wir haben keine Vorurteile….😉

Die Gäste waren teilweise verkleidet, irgendwo zwischen Halloween und Kostümparty, und aus dem Gebäude, in dem gefeiert wurde, drang bereits ordentliches Gegröle.

Offenbar versuchte sich gerade jemand an Karaoke.
„Money for Nothing, Chicks for free!“
Dire Straits hätten vermutlich ihre Freude gehabt.

Stefan und ich standen vor der Tür zum Partyraum und schauten uns an.
Reingehen? Lieber wieder zurück zu Wilma?
Ach, was soll’s!
Wie oft im Leben wird man schon spontan auf eine litauische Geburtstagsparty eingeladen?
Also Augen zu und rein.

Rauch, Bier und ein Mann in Lederhosen

Kaum hatten wir die Tür geöffnet, schlug uns eine ordentliche Mischung aus Zigarettenrauch, Bierdunst und Partystimmung entgegen.

Patrick entdeckte uns sofort und kam mit seinem breitesten Grinsen auf uns zu.

Keine fünf Sekunden später hatten wir beide ein Bier in der Hand.
Gastfreundschaft kann so einfach sein.

Ich nippte übrigens den ganzen Abend an diesem einen Bier. Nicht unbedingt, weil es besonders lecker war, sondern eher, weil ich vermeiden wollte, dass Patrick mir sofort das nächste in die Hand drückte.

Wir kamen ins Gespräch und erfuhren noch einiges über ihn. Patrick erzählte, dass er finnische und französische Wurzeln hat und das Anwesen Anfang der 2000er-Jahre gekauft hatte. Er erzählte uns, dass viele Litauer wegen Russland nervös seien und froh darüber sind, zur Europäischen Union zu gehören. Das war uns auf unserer Reise bereits aufgefallen. Überall in Litauen sahen wir ukrainische Flaggen, die als Zeichen der Solidarität mit der Ukraine aufgehängt worden waren. Man spürt hier, dass die Geschichte der sowjetischen Besatzung noch präsent ist und die aktuelle politische Lage die Menschen sehr beschäftigt.

Ein interessanter Einblick, gerade weil wir uns ausgerechnet auf dem Gelände einer ehemaligen sowjetischen Kolchose befanden.

Aber bevor es zu ernst wurde, stellte Patrick uns noch einen weiteren Partygast vor.
Einen Mann in Lederhosen.
In Litauen.
Auf einer Kostümparty.
Warum auch nicht?

Der Lederhosenmann entpuppte sich als großer Borussia-Dortmund-Fan.

Dass wir aus Deutschland kamen, fand er großartig.
Wir unterhielten uns eine Weile über das Leben in Litauen und fragten ihn, was die Menschen in der Gegend eigentlich so beruflich machen.

Seine Antwort war herrlich pragmatisch:
„Entweder du wirst Schreiner, Landwirt oder du gehst nach Vilnius und hast einen Schreibtischjob.“

Aha. Drei Möglichkeiten. Fertig ist die Berufsberatung.

Natürlich ist das Leben in Litauen vielfältiger, aber seine trockene Zusammenfassung brachte uns zum Lachen.
Er hatte auch einige Frage, am meisten interessierte ihn aber, welche Autobahn wir nach Litauen gewählt hatten – “ah die A4, die schöne Route”.

„Be careful with my Kalashnikov!“

Eine Szene dieses Abends ist uns besonders in Erinnerung geblieben. Wie gesagt, einige Gäste waren verkleidet. Halloween schien irgendwie das Motto zu sein, auch wenn wir uns da nicht hundertprozentig sicher waren.

Jedenfalls lief einer der Gäste mit einem Gewehr durch die Gegend.
Zunächst dachten wir uns nichts dabei.

Kostümparty. Verkleidungen. Plastikgewehr. Wird schon passen.

Bis Patrick plötzlich quer durch den Raum brüllte:
„HEY! BE CAREFUL WITH MY KALASHNIKOV! THERE IS A LIVE BULLET INSIDE!“
Ähm.
Wie bitte?

Stefan und ich schauten uns an.
War das jetzt ein Scherz?
War das Ding echt?
Und hatte Patrick gerade tatsächlich gesagt, dass da noch eine Patrone drinsteckt?
Für einen kurzen Moment war die Party für uns jedenfalls deutlich spannender, als uns lieb war.

Wir beschlossen, nicht weiter nachzufragen. Man muss schließlich nicht jedes Geheimnis lüften.

Ob das Gewehr nun echt war oder nicht, werden wir nie erfahren.

Vielleicht war es einfach nur Patricks etwas spezieller Humor.
Es war definitiv keine gewöhnliche Geburtstagsfeier.

Trotz dieser etwas eigenwilligen Einlage hatten wir einen lustigen und interessanten Abend.

Wir bekamen einen kleinen Einblick in das Leben der Menschen, hörten persönliche Geschichten und lernten mit Patrick einen Menschen kennen, der sein Leben offenbar mit einer beneidenswerten Portion Freude und Kreativität gestaltet.

Und mal ehrlich: Eine Geburtstagsfeier auf einer ehemaligen sowjetischen Kolchose, mit Halloweenkostümen, quietschgelben BMWs, einem Borussia-Mönchengladbach-Fan in Lederhosen, Karaoke und einer möglicherweise geladenen Kalaschnikow?
Das kann man sich auch nicht ausdenken.

Irgendwann verabschiedeten wir uns von der feuchtfröhlichen Gesellschaft und zogen uns zurück in unsere Wilma.
Die Nacht war herrlich ruhig. Von der wilden Party war nichts mehr zu hören.

Am nächsten Morgen sagten wir „Good Bye“ zu einem völlig übermüdeten Patrick, der uns natürlich wieder mit seinem unerschütterlichen Lächeln begegnete.

Dann ging es weiter zu unserem nächsten Ziel. Was bleibt, ist die Erinnerung an einen völlig verregneten Ausflug nach Kernavė, einen außergewöhnlichen Campingplatz und einen Gastgeber, den wir so schnell nicht vergessen werden.