
FR26.10 Camargue
Die Camargue ist ein großer Nationalpark im Süden Frankreichs und vor allem für ihre Feuchtgebiete bekannt. Entsprechend gibt es dort jede Menge Salzgewinnung und jede Menge Mücken. Außerdem ist die Camargue für ihre Wildpferde und Flamingos berühmt 🦩
Wir hatten einen großartigen Plan. Wir fuhren zu einem schönen Bauernhof, der offizielle Touren mit einem Traktor und Anhängern anbietet. Unser Plan war allerdings ein anderer: Fahrräder ausladen, eine schöne Runde drehen, das Flamingo-Reservat besuchen und anschließend noch das angeblich wunderschöne Saintes-Maries-de-la-Mer anschauen.
Leider begann unser perfekter Plan etwas holprig. Etwa 200 Meter nach dem Start der Fahrradtour begann der Bauer, der gerade mit einem Traktor und drei vollbesetzten Anhängern voller Touristen unterwegs war, in unsere Richtung zu rufen. Spätestens beim dritten Mal war klar, dass er Kathrin meinte und ungefähr beim dreizehnten Ruf – nachdem inzwischen wirklich sämtliche Touristen auf allen drei Anhängern uns anstarrten – verstanden wir endlich, dass er lediglich freundlich darauf hinweisen wollte, dass der Fahrradständer noch ausgeklappt war und Kathrin bei der nächsten Linkskurve vermutlich auf dem Hintern gelandet wäre.
Nachdem wir diesen maximal peinlichen Moment überstanden hatten, waren wir überzeugt, dass der Fahrradtour nun nichts mehr im Wege stehen würde. Etwa anderthalb Kilometer später wurden wir eines Besseren belehrt. Auf einer extrem schmalen Straße passte ein französisches Auto plötzlich seine Geschwindigkeit an unsere an und der Beifahrer begann, uns auf Französisch etwas zuzurufen.
Wir versuchten zu erklären, dass wir kein Französisch sprechen, aber das schien keine Rolle zu spielen. Das Rufen ging einfach weiter, bis sie irgendwann leicht genervt davonfuhren.
Bis heute haben wir absolut keine Ahnung, was sie von uns wollten.
Etwa zehn Minuten später brachen wir die Fahrradtour ab und kehrten zu Wilma zurück. Die Straßen waren einfach viel zu voll und unsere Recherche zur Strecke war offensichtlich gründlich daneben gewesen. Statt einer romantischen Fahrradtour durch die Camargue fühlte es sich eher wie ein permanenter Überlebenskampf an, während Autos mit 80 km/h an uns vorbeischossen.
Also verstauten wir die Fahrräder wieder und fuhren stattdessen zum Ornithologischen Park von Pont de Gau.
Zu unserer Überraschung fanden wir fast sofort einen Parkplatz. Voller Vorfreude marschierten wir mit zwei Kameras und zwei Handys bewaffnet in den Park, fest entschlossen, mindestens ein Flamingo-Foto zu bekommen – falls wir überhaupt einen sehen würden.
Was wir nicht wussten – und ganz sicher nicht erwartet hatten – war, dass der Park voller Flamingos ist.
Voller Flamingos.
Unser Tag hatte sich schlagartig zum Besseren gewendet.
Völlig begeistert verbrachten wir Stunden damit, diese herrlich verrückten Vögel zu beobachten.
Am Ausgang hatten einige Händler strategisch günstig ihre Stände aufgebaut und natürlich entdeckten wir sofort einen hölzernen Flamingo-Magneten für unsere Sammlung.
Bis dahin war ich überraschend gut durch den Tag gekommen, was die Mücken anging.
Das änderte sich innerhalb von Sekunden.
Ich wurde angegriffen.
Es war ein brutaler Angriff auf mein Leben und kurz stellte ich mir vor, wie ich mit einem Flammenwerfer durch die Camargue laufe und den Mücken zeige, wer hier der Boss ist 🔥🦟
Leider wurde ziemlich schnell klar, dass ich nicht der Boss war.
Die Mücken waren der Boss.
Also rannte ich erst etwas herum und anschließend direkt zurück zu Wilma. Kathrin ließ ich selbstverständlich zurück, damit sie den verdammten Magneten kaufen konnte.
Was sie auch tat.
Und bezahlt wurde nicht nur mit Euro. Sie hinterließ auch eine ordentliche Menge Blut in kleinen Mückenbäuchen.
Später zählten wir nach.
Allein auf meinem Rücken hatte ich 27 Mückenstiche.
DAS WAR NICHT LUSTIG!
Und trotzdem war es jeden einzelnen Stich wert.
Denn wir hatten Flamingos gesehen.
Und Flamingos sind einfach großartig.
Nach diesem Erlebnis fanden wir, dass wir uns einen Kaffee und ein paar Teilchen verdient hatten. Schnell fanden wir ein passendes Café im Zentrum von Saintes-Maries-de-la-Mer und machten uns auf den Weg. Aus irgendeinem Grund starteten wir Google Maps, obwohl das Dorf buchstäblich nur acht Minuten die gleiche Straße entlang lag.
Interessanterweise zeigte Google eine knallrote Fahrzeit von 20 Minuten an und die Straße vor uns war ebenfalls rot markiert.
Kathrin meinte scherzhaft:
“Wahrscheinlich parken überall Leute am Straßenrand, die ins Dorf wollen.”
Leider hatte sie vollkommen recht.
Wie sich herausstellte, fand genau an diesem Tag eine Gypsy Fair statt und der Ort war voll.
Richtig voll.
Endlose Reihen italienischer Reisebusse, kilometerlange Straßen mit parkenden Autos auf beiden Seiten und absolut keine Chance, auch nur in die Nähe des Ortskerns zu gelangen oder einen Platz für Wilma zu finden.
Also schauten wir erneut auf Google Maps und fanden einen offiziellen Campingplatz auf der anderen Seite des Ortes. Inzwischen wollten wir unbedingt herausfinden, was es mit Saintes-Maries-de-la-Mer auf sich hat, also nahmen wir den etwa 30-minütigen Umweg durch die Camargue in Kauf.
16 Euro für 24 Stunden.
Kann man machen.
Der Campingplatz bestand im Wesentlichen aus einem großen Sandplatz mit Ver- und Entsorgung.
Dieser Campingplatz war ebenfalls komplett voll.
Die Lage war allerdings hervorragend: zwei Minuten zum Strand und etwa zwanzig Minuten zu Fuß ins Zentrum.
Normalerweise hätten wir so einen Platz vermutlich nicht gewählt, aber manchmal macht man eben Ausnahmen. Froh, einen sicheren Platz für Wilma gefunden zu haben, machten wir uns zu Fuß auf den Weg ins Dorf. Unsere Hoffnungen auf einen entspannten Kaffee in einem hübschen Café hatten wir inzwischen aufgegeben, aber das war schon in Ordnung.
Leider schien das Festival inzwischen eher zu einer gigantischen Trinkveranstaltung für Jugendliche geworden zu sein und das Dorf war entsprechend voller Müll.
Dazu kamen große Mengen bewaffneter Polizei. Es gab sogar eine mobile Einsatzzentrale und mindestens eine Drohne kreiste dauerhaft über den Menschenmassen.
Offensichtlich rechnete man mit dem einen oder anderen Zwischenfall.
Wir machten trotzdem das Beste daraus und erkundeten die kleinen Gassen. Es war nicht das, was wir erwartet hatten, aber interessant war es trotzdem.
In der Kirche fiel uns auf, dass die üblichen Kerzen nicht im Hauptraum standen, sondern in einem höhlenartigen Keller direkt unter dem Altar. So etwas hatte ich noch nie gesehen und natürlich musste ich hinuntergehen.
Sofort wurde die Luft schwer und stickig und außerdem war es gefühlt mindestens fünf bis zehn Grad wärmer.
Ich hätte nie gedacht, dass ein Raum voller Kerzen und schlechte Belüftung einen so starken Effekt haben können.
Definitiv eine interessante Erfahrung.
Danach gingen wir in einen nahegelegenen Beach Club und genossen ein paar bunte Mocktails mit Blick aufs Mittelmeer.
Am nächsten Morgen frühstückten wir mit Blick auf die Salinen, schauten sie uns noch kurz an und machten uns anschließend auf den Weg zum nächsten Ziel…
