
MA10: R107
So ziemlich alle, die wir getroffen haben, schwärmten von dieser einen fantastischen Strecke, die wir unbedingt fahren müssten. Wirklich alle! Welche Straße das ist? Die R107 – eigentlich ein Gebirgspass und nicht besonders lang. Und trotzdem sollten wir unbedingt einen ganzen Tag dafür einplanen. Natürlich waren wir neugierig und haben unsere Pläne entsprechend angepasst.
Das war auch gar nicht so schwer, denn die R107 ist gar kein Umweg, sie verbindet nämlich Icht und Tafraout, zwei Orte, die wir sowieso besuchen wollten. Manchmal fügt sich alles einfach perfekt zusammen.
Bei unserer Recherche haben wir gesehen, dass es ein paar Highlights auf dem Weg gibt, für die man aber eine Abzweigung nehmen und dann wieder auf die R107 zurückfahren müsste. Die „Route Des Canyons” / „Route d’Aoukerda” ist eine schmale Straße mit vielen Serpentinen. Wir hatten gehört, dass sie wegen schwerer Regenschäden möglicherweise nicht befahrbar sei. Zufälligerweise stellte sich heraus, dass der Reisende, den wir am Tghit Canyon begegnet waren, genau diese Strecke ein paar Tage zuvor gefahren war. Somit wussten wir, dass wir kein Problem haben würden. Der einzige Wermutstropfen: Das Dorf ganz am Ende der Straße sei kaum erreichbar. Ein Kompromiss, den wir gerne akzeptiert haben.
Wir sind losgefahren und haben schnell verstanden, warum alle sagten, man solle den ganzen Tag einplanen – nach jeder Kurve tat sich ein neues fantastisches Panorama auf. Die Straßenverhältnisse waren größtenteils top, bis wir auf eine ordentliche Herausforderung stießen.
Ein Strommast war umgefallen und die Kabel hingen gefährlich tief über der Straße. Es gab eine unbefestigte Parallelstrecke, auf der die Kabel sogar auf dem Boden lagen – aber es schien einfacher, dort vorbeizukommen als unter den hängenden Kabeln hindurchzufahren. Wir sind also umgekehrt und zur Abzweigung zurückgefahren.
Ein älterer Einheimischer versuchte uns irgendetwas zu erklären, aber wir haben weder seine Worte noch seine Gesten verstanden. Wir sind dann auf der Parallelstrecke wieder zu den Kabeln vorgefahren und haben festgestellt, dass es noch schlimmer war als gedacht. Die Kabel hatten sich abgerollt und lagen kreuz und quer im Sand – dazu noch ein riesiges Schlagloch. Wir haben es langsam versucht, aber das Risiko, dass sich ein Kabel um die Reifen wickelt, war zu groß, zumal die Reifen im Sand und durch das Schlagloch die Traktion verloren. Wir waren ratlos und Kathrin, die am Steuer saß, schwitzte bereits beim Gedanken, die gesamte Schotterpiste rückwärts wieder zurückfahren zu müssen – als derselbe ältere Mann auf uns zukam, wieder sehr aufgeregt redend und zur asphaltierten Straße mit den tief hängenden Kabeln gestikulierend. In diesem Moment haben wir verstanden, dass er uns von Anfang an einen sicheren Weg um die Kabel herum zeigen wollte… tja, zu spät!
Zu unserer Überraschung holte er dann eine Schaufel, rief zwei oder drei andere Männer herbei, die ebenfalls Schaufeln mitbrachten – und binnen Minuten hatten sie die Kabel im Sand vergraben und das Schlagloch geflickt. Sie lächelten zufrieden, wir waren unglaublich dankbar und haben ihnen ein kleines Trinkgeld gegeben, das sie zunächst gar nicht annehmen wollten, am Ende aber doch gerne akzeptierten. Wir haben das kurzerhand als den schnellsten marokkanischen Pannendienst aller Zeiten bezeichnet!
(Anmerkung: Ihr fragt euch, wo die Fotos sind? – Wir haben keine gemacht, es fühlte sich im Moment einfach nicht richtig an.)
Nachdem wir diese Situation knapp überlebt hatten 😝, fuhren wir weiter und erreichten kurz darauf die Abzweigung zur Route Des Canyons. Die Straße war definitiv in schlechtem Zustand, aber die Behörden waren bereits dabei, sie zu reparieren – an vielen Stellen war der Belag schon erneuert. Trotzdem kamen wir nur langsam voran, weil wir uns mit entgegenkommenden Lastwagen und schweren Baumaschinen abwechseln mussten.
Das erste Highlight war der Horseshoe Bend – ein Grand-Canyon-Lookalike. Ein unglaubliches Naturschauspiel und einfach wunderschön anzusehen.
Danach kam das „Window of Life” – ein riesiges, fast perfekt quadratisches Loch in einer massiven Felswand. Wir hatten viele Fotos von Menschen gesehen, die dort hinaufklettern, aber der Weg nach oben war uns zu abenteuerlich – vermutlich hatte der starke Regen, der auch weite Teile der Straße zerstört hatte, dazu beigetragen. Trotzdem haben wir uns sehr gefreut, das Loch live zu sehen, auch wenn wir es nicht anfassen konnten.
Obwohl wir gewarnt worden waren, dass das Dorf am Ende der Straße nicht erreichbar sei, haben wir es trotzdem versucht – mussten aber schnell umkehren, weil die Straße komplett weggespült war und der Sand viel zu weich für unsere Reifen mit 5,5 Bar Luftdruck. Wir wollten definitiv nicht am Ende einer Canyonstraße stecken bleiben, die zu dieser Jahreszeit kaum jemand benutzt.
Der Rest der R107 war genauso, wie sie begonnen hatte: eine fantastische Aussicht nach der anderen, bis wir schließlich Tafraout erreichten. Die Fahrt hat uns fast den ganzen Tag gekostet – und uns unglaublich glücklich zurückgelassen!
