
🇱🇹 Der Berg der Kreuze – Ein Hügel, der sich nicht unterkriegen lässt
Was macht man mit einem alten Fahrrad oder ausgedienten Skiern? Zum Sperrmüll bringen? Auf dem Flohmarkt verkaufen? In Litauen gibt es offenbar noch eine dritte Möglichkeit: Man baut ein Kreuz daraus und stellt es auf einen Hügel.
Willkommen auf dem Berg der Kreuze (Kryžių kalnas). Hier stehen mittlerweile schätzungsweise über 200.000 Kreuze. Große, kleine, bunte, schlichte, aus Holz, Metall und eben auch aus Materialien, bei denen man nicht unbedingt zuerst an ein religiöses Symbol denkt.
Dazwischen hängen unzählige Rosenkränze, die sich teilweise wie Girlanden über die Holzbalken ziehen, Heiligenfiguren und persönliche Erinnerungsstücke. Ein wildes Durcheinander, das auf den ersten Blick sehr chaotisch wirkt, bei genauerem Hinsehen aber unglaublich faszinierend ist.
Und das alles auf einem Hügel, der gerade einmal zehn Meter hoch ist.
Was zunächst wie eine ziemlich außergewöhnliche Ansammlung religiöser Gegenstände aussieht, hat allerdings eine Geschichte, die uns beeindruckt hat. Dazu später mehr.
Wir besuchten den Berg der Kreuze nach der Arbeit, kurz vor Sonnenuntergang. Das Licht war wunderschön und tauchte die unzähligen Kreuze in warme Farben. Normalerweise ist dieser bekannte Wallfahrtsort ziemlich gut besucht. Schließlich kommen Menschen aus aller Welt hierher. Wir hatten allerdings Glück. Es waren kaum Besucher da, sodass wir ganz in Ruhe zwischen den Kreuzen umherlaufen konnten.
Viele Kreuze tragen Namen, persönliche Botschaften oder kleine Danksagungen. Menschen stellen sie hier auf, um zu beten, an Verstorbene zu erinnern oder für etwas zu danken. Man weiß gar nicht, wo man zuerst hinschauen soll. Hinter jedem Kreuz steckt eine persönliche Geschichte.
Ein Kofferradio statt himmlischer Stille
Eine Sache passte allerdings nicht so ganz zu dieser besonderen Atmosphäre. Irgendwo in der Nähe hatte jemand ein altes Kofferradio aufgestellt. Und aus diesem Radio schallte ziemlich laut eine litauische Stimme.
Wir vermuten, dass es sich um Gebete oder irgendeine religiöse Ansprache handelte. Verstanden haben wir natürlich kein Wort. Ob das zur üblichen Beschallung des Wallfahrtsortes gehörte oder jemand einfach dachte, ein bisschen Hintergrundprogramm könne nicht schaden?
Keine Ahnung.
Wir hatten jedenfalls mit einem eher stillen, besinnlichen Ort gerechnet. Stattdessen gab es litauisches Gebetsradio in voller Lautstärke.
Nun ja. Jeder hat offenbar seine eigene Vorstellung von himmlischer Atmosphäre.
Ein Symbol des Widerstands
Was den Berg der Kreuze besonders macht, ist seine Geschichte.
Die ersten Kreuze wurden vermutlich im 19. Jahrhundert aufgestellt, unter anderem zum Gedenken an Menschen, die während der Aufstände gegen die russische Herrschaft ums Leben gekommen waren. Während der sowjetischen Besatzung wurde der Hügel dann zu einem Symbol des Glaubens und des Widerstands.
Den sowjetischen Machthabern war dieser Ort ein Dorn im Auge. Mehrfach ließen sie die Kreuze entfernen und den Hügel mit Bulldozern zerstören.
1961, 1973 und 1975 gab es große Zerstörungsaktionen.
Doch die Menschen ließen sich nicht einschüchtern. Sie kamen zurück und stellten neue Kreuze auf. Teilweise heimlich in der Nacht, obwohl sie damit persönliche Risiken eingingen. Die Behörden räumten den Hügel ab, die Menschen bauten ihn wieder auf. Immer und immer wieder.
1993 besuchte sogar Papst Johannes Paul II. den Berg der Kreuze, der mittlerweile zu einem der bekanntesten Wallfahrtsorte Litauens geworden ist.
Und bis heute kommen neue Kreuze hinzu.
Mehr als nur ein Berg voller Kreuze
Wir sind selbst nicht besonders religiös. Trotzdem hat uns dieser Ort berührt. Nicht unbedingt wegen der Kreuze an sich, sondern wegen dem, wofür sie stehen.
Für Menschen, die sich ihren Glauben, ihre Hoffnung und ihre Identität nicht einfach nehmen ließen und lassen. Die trotz Verboten und Zerstörung immer wieder zurückkamen. Gerade wenn man sich mit Litauens Geschichte und der heutigen politischen Situation beschäftigt, bekommt dieser Ort noch einmal eine ganz andere Bedeutung.
Der Berg der Kreuze ist eben nicht nur eine religiöse Sehenswürdigkeit, sondern auch ein beeindruckendes Zeichen dafür, dass friedlicher Widerstand etwas bewirken kann.
Und dass Menschen sich nicht alles gefallen lassen müssen!
Was uns vor allem in Erinnerung bleibt, ist die Botschaft dieses Ortes: Man kann Kreuze zerstören, aber nicht so einfach den Willen der Menschen, die sie immer wieder aufstellen.
Und gerade in der heutigen Zeit ist das eine wichtige Erinnerung.
Denn am Ende möchte man doch daran glauben, dass sich das Gute durchsetzt!
