
MA12: Tiznit & Ouijjane
Marokko kann als Erstbesucher manchmal ganz schön knifflig sein. Nicht, weil das Reisen schwierig wäre oder einem ständig Steine in den Weg gelegt werden – ganz im Gegenteil. Das Problem ist eher, dass die Möglichkeiten scheinbar endlos sind und man sich kaum entscheiden kann, wo es als Nächstes hingehen soll.
Tafraout zu verlassen war genau so eine Entscheidung. Am Ende haben wir einfach eine Münze geworfen und sind weiter Richtung Westen nach Tiznit gefahren.
Tiznit selbst scheint nicht besonders viele Campingplätze zu haben, weshalb wir schließlich auf dem Camping Aglou Plage gelandet sind. Was wir dort allerdings nicht erwartet hatten: Wir waren offenbar plötzlich in Frankreich. Zumindest wenn man nach den Nummernschildern der anderen Camper ging.
Wir haben tatsächlich gezählt:
- Deutsche Kennzeichen: 3 (inklusive uns)
- Schwedische Kennzeichen: 1
- Französische Kennzeichen: alle anderen!
- Sonstige Kennzeichen: keine!
… und der Platz war komplett ausgebucht.
Der Rezeptionist schien allerdings eine besondere Schwäche für Deutsche zu haben. In dem Moment, als er merkte, dass wir aus Deutschland kommen, wechselte er direkt ins Deutsche und erklärte uns stolz, dass er gerade an seinem B2-Niveau arbeitet. Wir waren beeindruckt – und er zurecht stolz auf sich.
Nachdem unser Zuhause geparkt war, wollten wir nach Tiznit fahren. Busse gab es wohl irgendwie, aber niemand konnte uns sagen, wann genau sie fahren oder ob später überhaupt einer zurückkommt. Ein Taxi schien uns daher die sicherste Variante.
“Ihr müsst eventuell sehr lange warten, hier gibt es kaum Taxis!”, wurden wir noch gewarnt.
Zwei Minuten später saßen wir bereits in einem Taxi Richtung Stadt.
Wieder einmal war Sprache ein kleines Hindernis. Diesmal lag es allerdings eher an unseren quasi nicht vorhandenen Französischkenntnissen. Mit Übersetzungsapps und Kathrins vagen Erinnerungen an den Schulunterricht hat es am Ende aber irgendwie funktioniert.
Wir fragten unseren Fahrer, wie wir später wieder zurück zum Campingplatz kommen könnten, woraufhin er uns mit leicht schockiertem Blick erklärte, dass das wegen Ramadan praktisch unmöglich sei. Offenbar bemerkte er die leichte Panik in unseren Gesichtern, denn kurz darauf übernahm sichtbar sein innerer Geschäftsmann und er bot uns direkt an, uns später selbst wieder abzuholen.
Zum doppelten Preis natürlich.
Aber ehrlich gesagt fanden wir es fair. Er war von Anfang an offen damit und würde für uns sogar später sein Fastenbrechen beginnen. Also schlugen wir ein, tauschten Nummern aus und verschwanden in der Medina.
Zum ersten Mal in Marokko waren wir wirklich enttäuscht.
Die Medina war zwar voll und unglaublich belebt, aber die meisten Geschäfte verkauften billigen Plastik-Kram oder “authentische” Luxusmarken-Kleidung mit eher fragwürdiger Echtheit. Der Rest bestand hauptsächlich aus Metzgereien und Tabakläden.
Außerdem hatten wir Ramadan unterschätzt und nicht bedacht, dass Tiznit als eher konservative Gegend Ramadan noch deutlich strenger lebt als andere Regionen des Landes. Die meisten Restaurants hatten geschlossen – selbst für Touristen.
Nach gerade mal zwei Stunden riefen wir unseren Taxi-Freund an und keine fünf Minuten später stand er wieder vor uns. Sicherheitshalber erinnerte er uns noch einmal daran: doppelter Preis.
Wir bestätigten erneut, dass das für uns völlig okay sei.
20 Minuten später standen wir wieder zuhause und zahlten insgesamt ungefähr 14 Euro für die Fahrt. Bei uns daheim bekommt man dafür vermutlich etwa 200 Meter Taxifahrt 🤪
Nachdem wir dann noch beobachten durften, wie unsere geschätzten Nachbarn ihre Chemietoilette in den Grauwasser-Abfluss entleerten – ungefähr einen Meter neben den Spülbecken, an denen alle ihr Geschirr abwaschen – statt die dafür vorgesehene Entsorgung zu benutzen, beschlossen wir, Klein-Frankreich wieder zu verlassen.
Stattdessen fuhren wir zu einem Campingplatz, der schon lange auf unserer Liste stand.
Sous les Palmiers Bleus war uns bereits von mehreren Reisemagazinen empfohlen worden und wir wollten endlich selbst sehen, was es damit auf sich hat.
Der kleine Campingplatz liegt wunderschön eingebettet in einer Palmenoase. Die Besitzerin, eine ältere Französin, begrüßte uns herzlich und lud uns direkt auf einen Tee ein. Außerdem backt sie regelmäßig gefährlich süße Leckereien und trommelt abends gerne alle Gäste zu gemütlichen kleinen Runden zusammen.
Wir holten endlich unsere längst überfällige Wäsche nach, genossen ein paar ruhige Tage … und ein bisschen Regen.
Ein deutsches Paar neben uns empfahl uns einen Spaziergang durch die umliegenden Dörfer und die beeindruckend grünen Felder.
Was für eine gute Empfehlung das war!
Nach ein paar verregneten Tagen kam schließlich die Sonne zurück und wir beschlossen weiterzufahren. Kurz vor der Abfahrt wünschte uns die Besitzerin noch eine gute Reise:
“Ihr fahrt mit der Sonne weiter – wie schön.”
Wenn sie da mal gewusst hätte, was etwa 45 Minuten später passieren würde.
Und wenn wir gewusst hätten, dass genau diese nächsten 45 Minuten die letzten wirklich schönen Momente unserer Marokko-Reise sein würden…
